Was ist HSP?

Lebendigkeit

Denn die Seele ist es, die den Menschen mit lebendigem Antlitz, Gesicht, Geschmack, Gehör und Gefühl herrlich begabt. (Hildegard von Bingen)

Der Begriff HSP

Der Begriff HSP steht für „Hochsensible Person“ übernommen aus dem Amerikanischen „Highly Sensitive Person“. Es gibt über diese Wahl der Übersetzung bereits ausführliche Diskurse und ich persönlich halte mich aus Gründen der Überschaubarkeit gern auch weiterhin an den einst so eingeführten Begriff der „Hochsensiblen Person“. Zu den Begriffen „sensitiv, sensibel, hypersensitiv“ weiter unten einen kleinen Überblick.

Hochsensibilität beschreibt ein Phänomen, das es von je her gibt. In neuester Zeit wird sich ihm genauer gewidmet. Eine wissenschaftliche Forschung zu dem Phänomen wurde in 1997 begonnen durch die Studien der U.S. amerikanischen Psychologin Elaine N. Aron, worauf der seither verwendete Begriff HSP zurückzuführen ist.

Ein Buch mit dem Titel „Wer ist sensitiv, wer nicht?“ von Freiherr von Reichenbach aus Wien, beschrieb in 1856 Erkennungsmerkmale sowie Phänomene von sensitiven Menschen. Ebenso beschäftigte sich der Schweizer Psychiater C. G. Jung ausführlich mit dem Bild der „sensitiveren Personen im Vergleich zu anderen Menschen“.

In früheren Zeiten galten dieses feine Gespür und die weitreichende Wahrnehmung in Frau und Mann als kostbare Gabe und wurden jedoch je nach Lage auch unterdrückt oder missbraucht. Die Gaben drückten sich in verschiedenen Positionen aus: sei es als Künstler, Handwerker, Gärtner, Erfinder, Prediger und Abenteurer, als Medizinmann oder Heilerin, Narren am Hof, Berater, Pioniere, Weissager, achtsame Mütter, Väter und Großeltern, letztlich alle im besten Sinne als Beschützer von schöpferischem Gedeihen im Kleinen wie im Großen. Jeder trug auf seine Art dazu bei, in der Familie, im Clan, im Land.

Das Phänomen HSP

Den bisherigen Einschätzungen zufolge geht man heute davon aus, dass ca. 15-20% der Menschen hochsensibel sind. Davon seien 70% introvertiert (eher nach innen gerichtet, zurückhaltender) und 30% extravertiert (nach außen orientiert und kontaktfreudig). Es werden nach Aussage von Elaine Aron gleich viele Frauen wie Männer hochsensibel geboren.

Eine HSP hat eine angeborene Form der Sinneswahrnehmung, die von jener der nicht hochsensiblen Menschen mit auffällig großem Abstand abweicht. Offenbar werden gewisse Gehirnareale anders angeregt und sorgen dafür,  dass weit mehr Reize für wichtig eingestuft und nicht ausgefiltert werden. Das bedeutet, dass die Sinnesorgane von Hochsensiblen Reize aufnehmen, die als Sinneseindrücke das Bewusstsein erreichen, ohne jedoch derart aussortiert zu werden, wie es bei nicht-Hochsensiblen geschieht.

Metapher HSP: Sortierarbeit an einem Fließband

Während der nicht-Hochsensible am Fließband steht und das vorbei fahrende Gut in 3 Kästen einsortiert (heil, kaputt, reparierbar), steht der Hochsensible daneben und sortiert in mindestens 12 Kästen (heil, weniger heil, innerlich kaputt, äußerlich kaputt, gut reparierbar, wenig reparierbar, neu zusammenbaubar, anders wiederverwendbar etc.) bei gleicher Fließbandgeschwindigkeit.

Merkmale der Sensibilität

HSP sind wiederzuerkennen an:

einem hoch ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, tiefen oft überwältigenden Gefühlen, selbst in scheinbar „normalen“ Situationen und Begegnungen, dem auffallend langen Nachklang von Erfahrungen, der ausführlichen Zuordnung und Verarbeitung von Gefühlen, Gedanken und Geschehnissen, einem starken Drang zu Perfektion, auffallenden Begabungen in verschiedenen Gebieten, der schnellen Verletzbarkeit bei Kritik und Empfinden von Scham, einer großen Schreckhaftigkeit, der erhöhten Selbstkritik bei Versagen, der umgehenden Wahrnehmung von Stimmungen und Befindlichkeiten Anderer, einer starken Sinnesüberlappung (Synästhesie), der körperlichen Feinfühligkeit und schnellen Reizbarkeit durch Sinneswahrnehmungen wie Gerüche, Farben, Formen, Bewegungen, Witterung, Geräusche, Atmosphäre, Licht, Berührungen und Geschmack.

Einerseits ist es ein reiches eigenes Erleben und hält bereichernde Qualitäten für Andere und das Gesamtsystem bereit. Andererseits stellt es im Umfeld einer Mehrzahl von nicht-hochsensiblen Menschen eine große Herausforderung dar.

Häufige Bemerkungen, die HSP hören

Wie konntest Du das wissen? Woher nimmst Du diese Ideen? Wann hast Du das bemerkt? Wie machst Du das nur immer wieder? Oder auch: Was hast Du nur? Du übertreibst mal wieder! Was bist Du nur so sprunghaft? Schon wieder kommst Du mit was Neuem. Lass uns doch einfach mal machen! Du siehst Gespenster. Was Du nur immer hast. Wieso machst Du das nicht einfach so, wie alle Anderen auch? Immer brauchst Du so lange. Nicht schon wieder.

HSP im schönsten Ausdruck

HSP bereichern die Welt mit:

einer hohen Empathie, ausgeprägten Intuition, hohen Begeisterungsfähigkeit, breitfächrigem Wissen, gründlicher Einarbeit, Wahrnehmung von Konsequenzen im frühen Stadium eines Geschehens, schnellen Zuordnung von Details zum größeren Zusammenhang,  Kreativität, Phantasie, Querdenken und signifikantem Erfindungsgeist, schnellen Erfassung von Befindlichkeiten und Stimmungen, einer genauen Wahrnehmung von Authentizität, flinken Auffassungsgabe, intuitiven Wahrnehmung von natürlicher Ästhetik und Schönheit, tiefen Berührtheit und oft auch Eigenausdruck durch Musik, Kunst, Sprache und Handwerk, einer starken Verbundenheit zur Natur, einem Gespür für Lebewesen aller Art, einem hohen Gerechtigkeitssinn, hohen Idealen und Werten, großem Harmoniebeitrag, meist tiefen Empfindung einer Einheit allen Seins.

Nöte, Ängste, Zwänge und Druck

Es gibt eine innere Resonanz mit Wahrhaftigkeit, die Hochsensible wie ein stilles Gesetz leitet. Sie suchen Wahrhaftigkeit mit Anderen und deren Anerkennung zugleich. Diese stille Erwartung kann zu vielen falschen Vorannahmen und ebenso vielen Ent-Täuschungen führen.

Gedanken wie „Ich muss unbedingt – ich darf auf keinen Fall – ich sollte lieber – ich hätte besser – ich darf nie wieder“ machen eine auffallend scharfe Selbstkritik und hohe Eigenerwartung aus, wie eine selbst auferlegte Strategie. Am liebsten möchten sich HSP dann häufig derart verwandeln, dass sie nicht mehr so weitreichend fühlen und wahrnehmen. Damit wenden sie sich gegen ihre eigene Natur. Von hier können Störungen oder Krankheitsbilder entstehen, die sich der Erfahrung von Elaine Aron nach, wenn die Hochsensibilität erst einmal erkannt und würdigend zur Grundlage der Behandlung wird, in vielen Fällen erstaunlich viel schneller behandeln lassen, als bei nicht-Hochsensiblen.

Persönliche Weiterentwicklung für HSP

Im Allgemeinen sehen Hochsensible sich folgenden Herausforderung gegenüber:

  • wie komme ich mit der hohen Intensität meiner dieser Fähigkeiten besser zurecht?
  • wie kann ich die Überwältigung von Reizen für mich relevant verringern oder steuern?
  • wie weiß ich die zu große Zahl an Entscheidungsaspekten für mich passend einzuschränken?
  • wie kann ich die zu hohen Erwartungen an mich und Andere angemessen angleichen?
  • wo kann ich meinem wachen kreativen Geist einen passenden Spielraum geben?
  • wie kommuniziere ich Kritik, Warnungen und Ahnungen konstruktiv und angemessen?
  • wie kann ich mit der starken Wahrnehmung von Befindlichkeiten besser umgehen?
  • wie gleiche ich meine hohe Anpassungsgabe mit einer gesunden Selbstbehauptung aus?
  • wie kann ich rechtzeitig Zwangsgedanken übertriebener Leistungsbereitschaft anpassen?
  • wie unterscheidet sich meine Stimme des inneren Kritikers von der Stimme meiner Intuition?
  • wie halte ich den Zugang zu meiner innewohnenden, heilsamen Weisheit offen und pflege sie?

HSP wird  oft in Zusammenhang gebracht mit:

sensibel:
ist die Fähigkeit der Sinneswahrnehmung, sprich die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen über die Sinne

sensitiv:
ist die Fähigkeit der Gefühlswahrnehmung, sprich die Verarbeitung von Informationen auf emotionaler Ebene

hochsensibel:
die Schwelle der Reizüberflutung ist von Natur aus, aufgrund eines geringer ausgeprägten Informationsfilters, sehr niedrig und führt schneller als bei Anderen zu einer Überforderung

hochsensitiv:
die Schwelle der Berührbarkeit auf emotionaler Ebene ist von Natur aus sehr niedrig und kann eine Gemütsüberforderung mit sich führen, so dass Emotionen sehr viel stärker erlebt werden

hypersensibel:
dieser Begriff wird im psychotherapeutischen Bereich benutzt, um zu beschreiben, wenn ein Mensch gemessen an einer gewissen „Norm“alität, eine gestörte Sensibilität aufweist

Fazit:

Vielleicht mag es sinnvoll sein, uns anhand der bisherigen Studien zur erleichternden Verständigung darauf zu einigen, dass HSP das Bild sowohl einer markant höheren Sensiblität als auch Sensitivität im Vergleich Durchschnitt der Bevölkerung zeigt. Im schönsten Ausdruck ist es eine Bereicherung für alle.